Von Muay Thai, Selbstreflexion und einer Reise zu mir selbst

Wenn jemand meinem 10-jährigen Ich erzählt hätte, dass ich eines Tages in den Ring steigen werde - ich hätte es wahrscheinlich nicht geglaubt. Damals hatte ich noch keine Ahnung von Muay Thai oder Kampfsport und das sollte sich auch in den nächsten 6 Jahren erstmal nicht ändern. Ich war glücklich in meinem Tischtennis-Verein und feierte Erfolge mit meiner Mannschaft in der Jugend-Niedersachsenliga. Unser Trainer war streng mit uns, wer beim Training fehlte brauchte schon einen triftigen Grund. Das führte zwar manchmal dazu, dass ich als Letzte auf Kindergeburtstagen eintraf (oder gar nicht erst dabei sein konnte) und ich meine Wochenenden damit verbrachte nach Jever oder Bad Fallingbostel zu gurken, um dort Punktspiele zu bestreiten. Habe ich dadurch etwas verpasst? Vielleicht. Habe ich dadurch etwas gelernt? Auf jeden Fall! Schnell merkte ich, dass ich mich nur dann verbessern kann, wenn ich diszipliniert bin, regelmäßig beim Training erscheine und mich vielleicht sogar noch einen Tick mehr ins Zeug lege als meine Trainingskolleg*innen. Ich liebte es mich nach dem Training völlig kaputt auf den Beifahrersitz fallen zu lassen und meinen Eltern zu berichten, was wir beim Training für anstrengende Übungen machen mussten. Diese Liebe zur Anstrengung und zum Erkunden physischer und psychischer Grenzen brachte mich schließlich zum Kampfsport.

Auf der Suche nach Neuem

Mit etwa 16 Jahren endete die Zeit in der Jugendmannschaft und ich merkte, dass mir Tischtennis in der Damenmannschaft lange nicht so viel Spaß brachte, was nicht zuletzt daran lag, dass meine Gegnerinnen bei den Punktspielen meine Omas hätten sein können. Auch das Training war nicht mehr das Gleiche, seit mein Trainer job-bedingt umzog und ich nun bei anderen Trainer*innen trainieren musste. „Ich will irgendwas Neues machen. Was richtig Anstrengendes“, teilte ich mich also meiner Mutter mit. Nach kurzem Überlegen fiel ihr ein, dass einer der Trainer in ihrem Fitnessstudio gleichzeitig noch ein Kampfsport-Gym betreibt, ob ich da nicht mal hinwolle. Wollte ich. Kurze Zeit später fand ich mich beim Kickbox-Probetraining in der Frauengruppe wieder. Das war im Spätsommer 2013. Es war anstrengend und irgendwie auch aufregend – also bin ich dabeigeblieben. Vom Kämpfen war da noch lange nicht die Rede. Alles, was auch nur annähernd in die Richtung von Sparring (also Trainingskampf) ging, fand ich extrem nervenaufreibend. Das Gefühl mal eine Faust im Gesicht oder ein Schienbein in der Seite zu haben war neu und gewöhnungsbedürftig. Aber irgendwie auch ermächtigend. Erst da wurde mir bewusst, was ich physisch eigentlich alles einstecken kann. Das fühlte sich gut an und die körperliche Erfahrung von „Aha, ich falle ja gar nicht tot um, wenn ich mal einen Schlag einstecke“ stärkte mein Selbstbewusstsein auf eine neue Art und Weise, die ich vorher noch nicht kannte.

Plötzlich hatte ich mein Ziel vor Augen

Nach dem Abitur 2015 absolvierte ich einen einjährigen Freiwilligendienst in Italien. Mir war klar, dass ich auch dort weiter trainieren möchte. Zu diesem Zeitpunkt war mir der Unterschied zwischen Kick- und Thaiboxen (Muay Thai) noch nicht so ganz klar. Vertrauter war ich mit den Techniken aus dem Kickboxen/K1. In Italien fand ich ein Fitnessstudio, welches auch Kickboxen anbot. Frauen sind eine Minderheit in dem Sport, das merkte ich schnell. Deshalb freute ich mich immer, wenn ich beim Training nicht die einzige Frau war. Auch wenn man es nicht direkt aussprach, fühlte man sich direkt verbunden in der Masse an testosterongeladenen Männern. Der Trainer in Italien war jung und selbst aktiver Kämpfer. Wir verstanden uns gut und ich begann mich für sein Wettkampftraining zu interessieren. Wir gingen laufen, treppensprinten und machten Kraftzirkel zusätzlich zum regulären Training. Ich fasste den Entschluss: Wenn ich wieder zuhause in Deutschland bin, dann will ich mal in den Ring steigen! Nach meinem Jahr in Italien kam ich also wieder in mein altes Gym, ging zum Trainer der für die Wettkämpfer*innen verantwortlich war und sagte, dass ich Lust auf einen Wettkampf habe. Er nickte und sagte, dass ich jetzt erstmal regelmäßig zum Training kommen solle. „Disziplin? Kann ich“, dachte ich mir und verpasste so gut wie kein Training mehr. Ich hatte mein Ziel vor Augen und obwohl ich auch ein bisschen Angst davor hatte war ich mir sicher: Ich will das machen. Im April 2017 war es dann soweit und ich fuhr gemeinsam mit meinem Trainer und zwei weiteren Wettkämpfern auf ein Turnier nach Bremen. Es wurde in Vollschutz gekämpft, das heißt Kopfschutz, Tiefschutz und Schienbeinschoner. Ich erinnere mich noch sehr genau an das „Fight!“ des Kampfrichters, welches die erste Runde einläutete. Danach ging alles ganz schnell. Meine Gegnerin und ich kämpften anderthalb Minuten, dann eine einminütige Ringpause (die sich anfühlte wie drei Sekunden) und eine zweite Runde. Dann war der Kampf auch schon vorbei, der Kampfrichter streckte den Arm meiner Gegnerin in die Höhe, wir umarmten und kurz und ich stieg aus dem Ring. Dieses Erlebnis war sehr überwältigend und ein Schlüsselmoment für meine weitere Kampfsportkarriere. Obwohl ich verlor, wusste ich, dass ich es wieder tun werde. Es folgte eine weitere Niederlage, aber das Gefühl war immer noch da. Wie ein Feuer, dass sich ausgebreitet hat und nicht mehr zu kontrollieren ist.

Muay Thai Kampf von Gina La Mela

Von Höhen und Tiefen im Wettkampf und der Vorbereitung

Seit Oktober 2017 lebe ich nun in Lüneburg und trainiere im Combat Center Lüneburg. Erst dort kam ich dem traditionellen Muay Thai ein Stückchen näher. Ich wurde vertrauter mit Techniken wie Sweeps, Clinch und Ellenbogen, die im Kickboxen nicht zu finden sind. Für das Combat Center bestritt ich letztes Jahr zwei Muay Thai-Kämpfe und konnte meinen ersten Sieg feiern. Ich verbinde die Wettkampfvorbereitung und die Kämpfe einerseits mit positiven Gefühlen, weil ich viel über mich gelernt habe und Unterstützung von Trainern und Mittrainierenden erfahren habe, die ich mir niemals hätte erträumen können. Auf der anderen Seite habe ich auch die Schattenseiten des Wettkämpferinnen-Daseins kennengelernt, die mich nachhaltig geprägt haben. Die Verbissenheit, die Frustration, der Druck. Insbesondere das Abnehmen für die Wettkämpfe, um in einer leichteren Gewichtsklasse zu kämpfen, war zu viel für meinen Körper und meine Psyche. Nach meinem Sieg im Juni 2019 wollte ich unbedingt weitermachen und den nächsten Kampf bestreiten. Doch der kam nicht. Eine Absage nach der anderen, keine Gegnerinnen. Die Frustration war groß und der Sommer eine Qual. Anstatt in den Urlaub zu fahren blieb ich in Lüneburg, um weiter trainieren zu können und Kampfmöglichkeiten wahrzunehmen. Aber die blieben aus und mein restriktiver Lebensstil fühlte sich mehr und mehr wie ein Gefängnis als eine freie Entscheidung an. Der Tiefpunkt war erreicht, als ich mir Ende Oktober im Training den linken Arm brach. Durch einen Sweep landete ich auf dem Boden und versuchte mich reflexartig abzufangen. Zwangspause.

Muay Thai bedeutet Achtsamkeit und bei mir sein

Im Januar 2020 reiste ich für ein Auslandssemester nach Edinburgh in Schottland. Mein Arm war glücklicherweise verheilt und ich wollte wieder richtig ins Training einsteigen. Schon vorher hörte ich mich nach guten Muay Thai Gyms um und stand schließlich im Hanuman Thaiboxing Gym auf der Matte. Es ist ein winziges Gym mit einem Ring und Boxsäcken, alles wirkt gequetscht. Die Trainer sind erfahrene Thaiboxer, die selbst viel Zeit in Thailand verbracht und dort trainiert und gekämpft haben. Während das Combat Center in Lüneburg einen starken Fokus auf MMA hat, geht es im Hanuman Gym durch und durch um Muay Thai. Jeden Tag, von morgens bis abends wird Training angeboten. Schnell lernte ich andere Frauen kennen, die Muay Thai so sehr liebten wie ich. Viele verbrachten bereits selbst längere Zeit in Thailand und ermutigten mich es unbedingt auch mal zu tun. Obwohl ich nur knapp zwei Monate dort trainieren konnte (Danke, Corona…), wandelte sich mein Blick auf Muay Thai. Ich wurde vertrauter mit dem traditionellen Ursprung des Sports und seiner engen Verknüpfung mit Achtsamkeit und Meditation. Mir wurde bewusst, dass Kampfsport in Deutschland, aber sicherlich auch in vielen anderen westlichen Ländern, häufig mit Hass, Wut und Aggression assoziiert wird. Für mich bedeutet Muay Thai mittlerweile, vollkommen bei mir zu sein, mich auf meinen Körper zu konzentrieren und in den „Flow“ zu kommen. Überwältigende Gefühle wie Wut und Aggression hindern mich eher daran klug zu kämpfen, ich werde unkontrolliert und verteidige mich nicht mehr angemessen. Dieser neue Blick auf Muay Thai ist ein Wendepunkt und ich bin gespannt, wie sich meine Art zu kämpfen verändern wird.

Muay Thai als ein wichtiger Bestandteil meines Lebens

Muay Thai bedeutet für mich Selbstreflexion und Weiterentwicklung. Die Lehren, die ich durch das Training, die Wettkampfvorbereitung und das Kämpfen gewonnen habe, sind Gold wert. Ich habe gelernt besser auf mich und meinen Körper zu achten, gleichzeitig habe ich gelernt an meine Grenzen zu gehen und vielleicht sogar darüber hinaus. Das daraus erfahrene Selbst- und Körperbewusstsein empfinde ich als große Bereicherung und es motiviert mich auch andere Frauen dazu zu ermutigen im Kampfsport aktiv zu werden. Das Klischee von Härte und Aggression im Kampfsport ist meiner Meinung nach längst überholt - jede*r kann dem Sport etwas abgewinnen und im Gegenteil sogar lernen das Ego vor der Tür zu lassen. Bei kaum einem anderen Sparring wurde sich mit so viel Respekt begegnet wie bei reinen Frauensparrings. Ego-Gehabe hat keinen Platz in der Community, stattdessen wird sich gerne unterstützt und geholfen, aber auch gegenseitig gefordert. Jede Gegnerin, der ich im Ring gegenüberstehe, fordert mich heraus und triggert Wachstum und Fortschritt. Sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene. Dafür bin ich extrem dankbar.

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4 Kommentare

  • Gina, ich bin stolz auf Dich 👍🏼
    Und ihr habt vollkommen Recht, ohne Eltern die einen unterstützen geht es absolut nicht. Gott sei Dank hat Gina diese Unterstützung immer ausnahmslos erfahren und zwei ganz liebe Eltern. Ich hoffe, auch ich konnte meinen Teil dazu beitragen 😀
    Mach weiter so!!!
  • Hey Andy,
    die Unterstützung aus dem Elternhaus ist wirklich enorm wichtig. Ich selbst hab es anders erfahren und konnte mich dem Kampfsport erst viel später widmen. Weil ich so viel Positives aus der Kampfkunst selbst, dem Miteinander im Gym, dem Zusammenhalt auch in fremden Ländern, ziehen konnte, ist mir der Support so wichtig.
    Alles Liebe
    Marina
  • Sehr guter Artikel, gefällt mir . Vor allem dass sie durch ihre Mutter drauf gekommen ist zu trainieren 👍🏼
  • Hey Anna,

    es freut mich, dass dir Ginas Artikel auch so gut gefällt. Dass ihre Mutter die Idee mit dem Trainer hatte, finde ich auch klasse. Als ich jünger war, wollte ich gern Judo lernen. Damals war es meine Mutter, die mir das Training verboten hat. So kam ich erst viel später zum Kampfsport. Umso schöner sind Geschichten wie diese, bei der die Eltern unterstützend wirken.
    Liebste Grüße, Marina

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